Während sich die Schafe gegenseitig die Fliederkränze vom Hals fraßen und sich die Ziegen am Wegrand verköstigten, erklärten Sonja Kraft vom Landschaftspflegeverband (LPV) Rheingau-Taunus und Schlangenbads Umweltbeauftragter Thomas Wenzler an mehreren Aussichtspunkten, wie das Entbuschungs- und Beweidungsprojekt funktioniert: Zuerst werden die Grundstückseigentümer überzeugt und Tierhalter gesucht, die bereit sind, die als Futter oft minderwertigen Flächen als Weide zu nutzen. Die Gemeinde schreibt zusammen mit dem LPV die Rodung von Buschwerk und überzähligen Bäumen aus und beauftragt ein Unternehmen damit. Weil die Sache sich sonst für die Tierhalter nicht rechnen würde, vermittelt der LPV zudem Zuschüsse aus dem Hessischen Landschaftspflegeprogramm oder der Ausgleichsabgabe.

Hauptursache für die Verbuschung des Schlangenbader Ortsteils ist der Rückzug der Landwirtschaft. Längst gibt es keinen Haupterwerbslandwirt mehr in Niedergladbach. Erschwerend hinzu kam, dass die betroffenen Flächen oft zig verschiedenen Einzelbesitzern gehören, die man über Landes- und Bundesgrenzen hinaus ausfindig machen musste. Bürgermeister Detlev Sieber (SPD) erinnerte daran, dass die Sonne in Niedergladbach vor der Entbuschung wegen der hohen Bäume quasi morgens eine Stunde später auf- und abends eine Stunde früher untergegangen sei.

Gewonnen wurde nicht nur mehr Licht, sondern auch mancher schöne Blick in die Landschaft. So etwa aufs "Gründchen", das inzwischen vom Tal bis auf die Höhe selektiv frei geschnitten wurde. Robustrinder sorgen dafür, dass sich Schwarzdorn und Weiden nicht mehr unkontrolliert ausbreiten können. Wo diese Dunkelmacher wuchern, kommen andere Pflanzen kaum noch zum Zuge, wie Kraft erläuterte. Auf den zurückgewonnen Flächen siedeln sich hingegen mit hoher Wahrscheinlichkeit seltene Pflanzen an. Im Pilotprojekt der Niedergladbacher Entbuschung in der Gemarkung "Eckernberg" und "Steinchen", das der Nebenerwebslandwirt Arno Molter seit sechs Jahren als Sommerweide für seine Gallowayrinder nutzt, wachsen etwa heute Orchideen und Schlüsselblumen. Und in einem Buch über die schönsten Inliner-Touren wird die Abfahrt vom Erbacher Forsthaus nach Niedergladbach als landschaftlich abwechslungsreiche Strecke empfohlen und mit Bildern von Schafen illustriert.

Auch die Wildschweine scheinen nicht mehr so ohne Weiteres ins Dorf kommen, wenn sie kein ortsnahes Gebüsch mehr schützt. So wertet jedenfalls der Bürgermeister die Tatsache, dass Molters Weide kürzlich von Wildschweinen umgepflügt wurde.

Etwa 30 Hektar Fläche rund um den Schlangenbader Ortsteil haben Gemeinde und Landschaftspflegeverband inzwischen frei geschnitten. Abgesehen von einem Fichtenzug auf dem Halköpfl, wo die Gemeinde versucht, die privaten Eigentümer von der Notwendigkeit einer Rodung zu überzeugen, ist Wenzler zufrieden, sucht bereits zusammen mit der Jagdgenossenschaft nach neuen Entbuschungsgebieten außer Orts. Parallel müssen aber auch die beweideten Flächen weiter im Auge behalten und mitunter maschinell nachgearbeitet werden.

Mitgetragen wird die Entbuschung in Niedergladbach auch von Bevölkerung und Forst. Dies zeigte sich auch beim Abschluss am Bolzplatz mit Volksfest-Charakter. Während die Kinder beim Schafscheeren zusahen und sich eine Hand voll Wolle mit nach Hause nehmen durften, ließen sich die Großen Schafsbratwurst, frisches Brot, Bier aus dem Brauhaus Eltville, Säfte aus dem Wiesbadener Saftladen oder Met vom Bio-Imker munden. Frühzeitig ausverkauft war die Ziegen-Gulaschsuppe des Bärstadter Hobby-Züchters Olaf Schwanengel, dessen Tiere eine Fläche namens "Lappestruth" beweiden.

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